Exkurs IV

Das Leben der Anderen


Am 30 März 2007 unterschrieb Deutschland die 15. Konvention der Vereinten Nationen „On The Rights Of Persons With Disabilities”.

Damit verpflichtet sich Deutschland wie 158 andere Staaten der Benachteiligung von Menschen mit einer Behinderung im eigenen Land entgegen zu wirken, um diese als vollwertige Bürger der Gesellschaft anzuerkennen. In Deutschland leben derzeit ungefähr 10 Millionen Menschen (12,2%) mit einer Behinderung, die nun mit Hilfe der Gesellschaft in diese inkludiert werden sollen.

 

Weltweit leben rund 1 Milliarden Menschen mit einer Behinderung, die in der deutschen Debatte gerne vergessen werden. 80% von ihnen in sogenannten „Entwicklungsländern“, wie Namibia.

Aber Namibia hat trotz seines Status als „Entwicklungsland“ dieselbe Verantwortung übernommen wie auch Deutschland. Namibia unterschrieb die Konvention zur Inklusion 26 Tage nach Deutschland.

 

Während meines nun zehn monatigem Aufenthaltes in diesem Land, habe ich mir ein Bild über die allgemeine Situation von Menschen mit einer Behinderung in Namibia machen können und habe auch versucht es mit den Fortschritten und Vorhaben der deutschen Inklusion zu vergleichen.

 

Um mit einem afrikanischen Vorurteil aufzuräumen, beginne ich mit der heiklen Thematik. Dem Umgang von Menschen mit Albinismus. Diese angeborene Störungen in der Biosynthese der Farbpigmente und die daraus resultierende hellere Haut-, Haar- und Augenfarbe tritt vor allem im afrikanischen Raum mit einer Wahrscheinlichkeit von 1:10.000 auf und bringt für die Betroffenen auf einem Kontinent, auf dem Rassismus bereits ein gesellschaftliches Problem für sich darstellt, lebensgefährliche Folgen mit sich.

In Länder wie Tansania oder Simbabwe werden Neugeborene mit Albinismus meistens direkt nach der Geburt getötet. In den meisten Fällen aufgrund von Aberglaubens (Verruf, Unglück zu bringen oder Heilkräfte in Knochen zu besitzen) oder auch aus Scham der Eltern vor sozialer Ausgrenzung.

 

In Namibia sind allerdings seit den Zeiten der Missionierung im 19. Jahrhundert die Tage dieser Diskriminierung vorbei. Das christliche Gebot der nächsten Liebe führte in kurzer Zeit dazu, dass diese Kinder nicht länger als Schreckensfiguren der Folklore dienten, sondern als besondere Segnung gefeiert wurden. Heute sind Menschen mit Albinismus ein fester und respektierter Bestandteil der Gesellschaft und von der Dorfclique bis ins nationale Parlament inkludiert.

 

Seien es Menschen mit Albinismus, Menschen im Rollstuhl oder auch Menschen mit Beeinträchtigung des Sehens, man begegnet auf den Straßen der namibischen Ortschaften diesen Menschen jeden Tag.

In den meisten staatlichen Schulen werden Kinder mit Beeinträchtigung im Sehen oder Hören nehmen am allgemeinen Unterricht Teil und sitzen somit zusammen mit Gleichaltrigen ohne Behinderungen in einer Klasse. Die namibische Regierung hat sich das Ziel gesetzt, möglich vielen jungen Menschen mit Behinderung einen Zugang zu verschaffen und sie in die staatlichen Schulen als auch die Universitäten zu inkludieren, aber auch diese Menschen, wie in der UN-Konvention gefordert, am Prozess zu beteiligen und für den Bildungs- und Managementsektor gezielt auszubilden. In Ongwediva verfügen die zweistöckige Einkaufmall, die Universität und das Rathaus über Aufzüge. Zusammen mit dem SNMPC, in dem ich arbeite sind, sind die meisten Gebäude mit dem Rollstuhl erreichbar.

 

Hingegen kann in Namibia bei Blick auf die Infrastruktur noch lange nicht von „Barrierefreiheit“ gesprochen werden, da die meisten Bürgersteige nicht befestigt sind.

 

Desto bewundernswerter ist allerdings der Umgang der namibischen Gesellschaft mit ihren Mitmenschen. Dadurch, dass familiäre Werte und der Respekt voreinander einen anderen kulturellen Stellenwert haben als in Deutschland, werden Behinderungen von Familien-oder Gemeindemitgliedern nicht als Belastung wahrgenommen. Es ist einfach selbstverständlich, dass sich um den Bruder mit einer geistigen Behinderung genauso gekümmert wird, wie um den Bruder ohne eine solche. Selbstverständlich gibt es auch hier Ausnahmen von der Allgemeinheit.

 

Dennoch tendiert die namibische Gesellschaft ganz klar zu der Tatsache, dass wenn der eigene Bruder nicht in der Lage ist, zur Schule zu laufen, dann muss er von seinem anderen Bruder dorthin getragen werden. Und das auch 10 Kilometer.

 

Fazit: Man kann Namibia nun nicht ein Zertifikat überreichen, auf dem steht, Ihr habt Inklusion gemeistert. Davon ist Namibia noch weit entfernt. Allerdings ist jedes Land weit davon entfernt Inklusion und damit die 15. Konvention der UN für die Rechte von Personen mit einer Behinderung zu hundert Prozent erfolgreich umgesetzt zu haben. Das was mich an Namibia bewegt und beeindruckt hat ist der selbstverständlich Umgang mit Menschen mit einer Behinderung, der in Deutschland schlicht weg fehlt.

 

Obwohl der prozentuelle Anteil von Menschen mit einer Behinderung in Deutschland höher ist, ist es dennoch möglich in der deutschen Gesellschaft zu leben, zu arbeiten und alt zu werden, ohne sich jemals mit Menschen mit einer Behinderung umgegangen zu sein. Daher möchte ich Namibia hier nicht voreilig die gelungenere Inklusion zu sprechen.

 

Ich möchte vielmehr darauf aufmerksam machen, dass in einem sogenannten „Entwicklungsland“, das seit erst 25 Jahren unabhängig ist, in dem die Infrastruktur und die Wirtschaft nicht den internationalen Standards entsprechen, in dem ein Viertel aller Menschen mit HIV infiziert sind, die Hälfte arbeitslos ist und 37% von weniger als einem US-Dollar am Tag leben, der Umgang mit Menschen mit einer Behinderung vorbildlicher ist als in der größten Industriemacht Europas, die sich Menschrechte und den Sozialstaat auf die Fahnen schreibt.

 

Weitere Informationen:

 

UN Enable

 

Aktion Mensch






Exkurs III

Der Kampf der Geschlechter

 

 

Um die geschlechterspezifischen Hierarchien des namibischen Nordens und damit der Ovambo Stammes zu verstehen, reicht bereits ein Blick auf die Struktur der dörflichen Gemeinden, die seit Beginn der Ovambo Existenz in Namibia bestehen.

Die britische Wissenschaftlerin der Universität Kent Gwyneth Davies erläutert in ihren Ausführungen über die Kultur der Ovambo den Aufbau eines Ovambo Dorfes. Dieses setzt sich aus einem zentralen Haus für den Mann und mehreren Häusern für seine unterschiedlichen Frauen zusammen, welche sich um das Herrenhaus zentrieren. (Davies 1994)

 

Der „Harem“ des Ovambo Mannes prägt bis heute die namibische Gesellschaftsstruktur.

 

Frauen sind dem Manne untergeordnet, da sich diese meistens von den wirtschaftlich und finanziell besser gestellten Männern abhängig machen. Da Männer auf dem namibischen Arbeitsmarkt leichter einen guten Arbeitsplatz finden als Frauen, sichern sich diese früh durch einen Lebensgefährten ab und machen sich somit finanziell von diesem abhängig. Männer imponieren bereits Jugendliche mit teuren Autos, vorauf die jungen Damen leider auch in den meisten Fällen naiv eingehen. Was diese nicht bedenken ist, dass manche Männer sich sogar nur Autos von Familienmitgliedern leihen, weil sie wissen, dass sie auf diesem Wege eine flüchtige Liebschaft gewinnen können.

Es sind genau diese flüchtigen Liebschaften, die durch ungeschützten Geschlechtsverkehr die Verbreitung von HIV vorantreiben und auch in den meisten Fällen junge Mädchen schwanger und ohne Ausbildung und Perspektive zurücklassen. Den Männern wird keine Verantwortung zu gesprochen.

 

Leider ist auch der Umgang von Männern mit Frauen eine, aus europäischer Sicht, extreme Erniedrigung gleich. Frauen werden auf öffentlicher Straße versucht zum Heiraten oder gar zum Beischlaf überzeugt zu werden oder auch leider häufig Opfer von häuslicher Gewalt und von Vergewaltigung. Dieses Verhalten von männlicher Seite steigert sich besonders im Umgang mit weißen Damen, da diese als „Abenteuer“ wahrgenommen werden und aus diesem Grund noch stärkerer Begierde ausgesetzt sind.

 

Auch in festen Beziehungen sind Frauen in den meisten Fällen ausschließlich für den Haushalt und die Kinder verantwortlich. Neben dieser klaren Rollenverteilung gehen viele Frauen auch zusätzlich noch einer Beschäftigung nach, haben aber selten die gleichen Karrierechancen wie ihre männlichen Kollegen. Bei Festivitäten sind Frauen ebenfalls die Hauptverantwortlichen für die gesamte Bewirtung der Gäste (der Männer), welche sich nicht in der Verantwortung sehen.

Während des Mittagessens mit meiner Kollegin ergab sich für mich sogar einmal die Situation, dass es nur noch genug Reis für eine Portion gab. Ich bot meiner Kollegin an die Portion zu nehmen, da ich sowieso nicht hungrig war. Sie entgegnete entschieden und auch ein wenig entsetzt, da es für sie nicht in Frage käme, einem Mann das Essen weg zu nehmen!

 

Fazit: Diese von mir aufgelisteten geschlechtsbedingte Differenzierung und Problematiken finden natürlich nicht in jedem Haushalt oder gar überall in Namibia statt. Sie sind allerdings zurzeit extrem stark in der namibischen Gesellschaft verwurzelt und werden dort auch noch in den nächsten Jahrzehnten von den starken Frauen Namibias nicht allein entfernt werden können.

 

 

 

 

Davies 1994: http://lucy.ukc.ac.uk/csacpub/davies_thesis/

 




 

Exkurs II

Rassismus

 

In diesem Exkurs werde ich bewusst die Termini „Weiße“ und „Schwarze“ gebrauchen, da diese im europäischen Raum verpönten Bezeichnungen hier gängig sind und sich nicht ersetzen lassen. Ich hoffe, dass sich niemand durch meine Wortwahl in irgendeiner Weise beleidigt fühlt!

 

Man achte bitte auf die sehr grenzwertige Verteilung der Suppenarten!

 

 

Liest man die Geschichtsbücher, so wird man die Apartheid meistens als abgeschlossenes Kapitel der afrikanischen Geschichte auffinden. Dieses staatliche System der Abtrennung und Isolation aufgrund der Hautfarbe greift selbstverständlich heute auch nicht mehr von staatlicher Seite.

Es gibt in Südafrika, wo die Apartheid durch die niederländischen Siedler ihre Wurzeln findet, und auch in Namibia, das von 1920 bis zur Unabhängigkeit 1990 durch das südafrikanische Mandat faktisch auch südafrikanische Kolonie war, keine getrennten Waschräume oder Busse mehr. Weiße und Schwarze gehen gemeinsam zur Schule   oder heiraten. Wenn man bedenkt, dass eine ganz andere Vergangenheit nur 20 Jahre herzu seinen scheint, deutliche Verbesserungen.

 

Die Apartheid ist allerdings nicht vorbei, sie hat nur Ihre Gestalt verändert. Die Apartheid des 21sten Jahrhunderts ist ambivalenter. Es gibt nicht mehr nur die durch staatliche Doktrinen entstehende Separation.

 

Zunächst einmal ist ein starkes Problem in Namibia nach meiner Beobachtung die unaufhörliche Präsenz der Apartheid in den Köpfen der meisten BürgerInnen. Sowohl die weiße als auch die schwarze Bevölkerung halten sich an der eigentlich vergangenen Struktur fest. Weiße, die sich im Supermarkt, wie Kolonialherren gebären, wenn sie die Angestellten nach einer Getränkesorte fragen. Aber auch ältere Schwarze, die mich als deutlich jüngeren auf der Straße mit „Sir“ oder sogar „Master“ ansprechen.

 

Des Weiteren wird lässt sich auch in der Wirtschaft eine klare Hautfarbendifferenzierung feststellen, wenn man auf die Verteilung des Personalwesens schaut. Je höher man in der Hierarchie eines Unternehmens schaut, desto lichter wird die Anzahl der schwarzen Unternehmer oder Geschäftsführer. Der Großteil der namibischen Industrie und Unternehmen befindet sich im Besitz Weißer.

 

In der Politik hingegen zeichnet sich ein klarer Gegensatz ab. Nur einer der Minister im Parlament der derzeitigen Regierung ist weiß. Ironischer Weise der Wirtschaftsminister.

 

Abschließend muss noch erwähnt werden, dass eine kulturelle Vermischung nur selten stattfindet. Die meisten Angehörigen der beiden Hautfarben verbringen ihr zwischenmenschliches Dasein in Subkulturen, die sich selten für Außenstehende öffnen.

 

Fazit: Die Apartheid ist als staatliches System vorüber. Das gesellschaftliche Modell der Regenbogennation, wie es Mandelas Traum für Südafrika war, wird auch in Namibia noch viel Arbeit benötigen.

 

 

 

 

 

 

Exkurs I

Spuren der deutschen Kolonialvergangenheit

 

 

Den meisten Personen, denen ich von meinen Plänen eines Jahresaufenthalt in Namibia erzählt habe, fiel zu diesem Land nur eine Sache ein: „Aha, dann gehst du also nach Deutsch-Südwestafrika!“ Um diesem Vergangenheitsdenken entgegen zu wirken, möchte ich hier noch einmal, wie oben eigentlich schon aufgelistet, die genauen Daten der deutschen Kolonialzeit in Afrika präsentieren:

 

Das Deutsche Kaiserreich hatte von 1884 bis 1915 das Gebiet des heutigen Namibias unter seiner wirtschaftlichen und politischen Kontrolle. Dem deutschen Reichskanzler Otto von Bismarck beanspruchte diese 1884 durch die Vereinbarungen der Kongokonferenz in Berlin, bei der die europäischen Machthabenden den afrikanischen Kontinent wie eine Geburtstagstorte in Stückchen diplomatisch zerteilten, ohne auf die vorhandenen ethnischen Grenzen zu achten.

 

Die Gräueltaten der Deutschen gingen über die der grundsätzlichen Kolonialisierung eines Landes hinaus, in dem sie nach Aufständen der Herero und Nama, diese Stämme durch ihre militärische Überlegenheit fast ausrotteten. Die deutsche Schreckensherrschaft endete in Namibia, wie auch in den anderen Kolonien des heutigen Tansania, Burundi und Ruanda, im Verlauf des ersten Weltkrieges.

 

Was ist nun aber in Namibia von den Zeiten der deutschen Kolonialisierung geblieben? Zum einen die direkten Spuren wie die Bismarck Straße in Windhoek oder der ehemalige Militärstützpunkt im Etosha National Park. Zum anderen die Verantwortung. Der deutsche Staat investiert jedes Jahr Millionen in Namibia. Allerdings lebt auch noch bis heute eine kleine Minderheit von deutschen Nachfahren in Windhoek und in den Farmen des Südens. Die deutsche Gemeinschaft lebt sehr isoliert von der eigentlich namibischen Bevölkerung, ist aber wirtschaftlich extrem gut aufgestellt. Die meisten namibischen Konzerne und Geschäfte sind im Besitz von Deutschnamibiern. Die nationale Brauerei in Windhoek stellt die nationalen Biersorten wie Windhoek Lager oder Tafel Lager nur nach dem deutschen Reinheitsgebot her und auch in den Supermärkten lassen sich erstaunlich viele deutsche Produkte finden.

 

Die Reaktion auf meine Nationalität hier in Namibia ist durchweg positiv. Ich wurde bis jetzt nur einmal auf die deutsche Kolonialvergangenheit angesprochen und selbst bei diesem Gespräch wurden nicht „meine Vorfahren“ sondern nur die eigenen kritisiert, aufgrund ihrer angeblichen Untätigkeit.

 

Fazit: Wie jede Kolonialzeit hat auch die deutsche ihre Spuren in Namibia hinterlassen, die nicht so einfach zu verwischen sind. Allerdings ist der Patriotismus dieses Landes durch die Unabhängigkeitskämpfe so präsent, das man nicht mehr von „Deutsch-Südwest“ sprechen kann.

 

 

 

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